Unsere Abwasserkanalisation - sponsored by Jägermeister


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Die Wirklichkeit schreibt die besten Geschichten. Genau dieser Eindruck vermittelt der folgende von Horst Voigt verfasste Text über die Finanzierung eines Teils der Kanalisation in Harlingerode und die geschickte Nutzung von Kontakten zu dieser Zeit. Horst Voigt war Gemeindedirektor von Harlingerode (bis 1972 selbständige Gemeinde mit Göttingerode als Ortsteil) und später Stadtdirektor von Bad Harzburg.


Hintergrund: Es war noch Mitte des 20. Jahrhunderts nicht üblich, dass überall eine Schmutzwasserkanalisation existierte. Das Abwasser musste auf andere Weise entsorgt werden. Schon damals war der Bau einer Kanalisation ein kostenspieliges Unterfangen.


Eventuelle Anmerkungen von PUR (hier: Till-André Diegeler) sind in kursiv und mit eckigen Klammern vermerkt.


Vielen Dank an dieser Stelle an Horst Voigt für seine Einwilligung zur Veröffentlichung! Er gab sie mir (Till-André Diegeler) telefonisch am 9. Oktober 2021.

Eine Anekdote über eine Begebenheit, wie man in Harlingerode seine Schmutzwasserkanalisation finanzierte.

Von Horst Voigt, Stadtdirektor a.D.


Eine Anekdote ist nach Wahrigs Wörterbuch eine kurze, aber charakteristische Erzählung einer wahren Begebenheit.


Eine kommunalpolitische Anekdote will ich den interessierten Uhlenklippen-Spiegel-Lesern erzählen. Sie ist noch nicht so alt und hat sich in den 60'er Jahren in Bad Harzburg oder besser: In Harlingerode abgespielt.


So trug es sich zu, daß die Gemeinde Harlingerode, die – wie andere Gemeinden auch – die Verbesserung ihrer kommunalen Infrastruktur - wie es heute genannt wird - in Angriff nahm.


Nach der Sicherung der Trinkwasserversorgung, der Grunderneuerung des Straßennetzes und der Straßenbeleuchtung und dem Bau einer neuen Schule und eines Kindergartens ging man an die schon lange angeschobene Schmutzwasserkanalisation. Diese Investition aber war sehr kostspielig und warf zudem Fragen der Bergschäden hauptsächlich in Göttingerode, das zu Harlingerode gehörte, auf. [Anm.: Durch den großflächigen Bergbau der Eisenerzgrube in Hansa ab dem Zweiten Weltkrieg bis August 1960 wurde das Land südlich des Langenbergs sehr stark durch Erdfälle beschädigt. Insbesondere war die Wohnbesiedlung in Göttingerode betroffen.] In Harlingerode war die Abwasserkanalisation fast fertig, aber jetzt bewegte der Bau in Göttingerode die Gemüter.


Hinzu kam, daß die damals herrschende Hochzinspolitik des Kreditmarktes und der Banken Zinshöhen von 12% und mehr forderte. Das war für ein Gemeindesäckel ein kaum zu bewältigendes Hindernis. Aber die Entwässerungsfrage sollte gelöst werden, das hatte jedenfalls der Gemeinderat beschlossen.


Und so trug es sich zu, daß der langjährige Bürgermeister und Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion Wilhelm Baumgarten [Anm.: Wilhelm Baumgarten senior, *1913 in Groß Lafferde] im Landkreis Wolfenbüttel, zu dem damals noch Bad Harzburg und Harlingerode gehörten, sich gut mit seinem Gegenüber von der CDU Kurt Mast aus Wolfenbüttel verstand.


Kurt Mast war Inhaber und Chef des weltbekannten Jägermeister-Imperiums und spielte gern Skat. Und so setzte er sich nach jeder Kreistagssitzung in irgendeinem Ort im Landkreis mit Wilhelm Baumgarten und Dr. Heinz Morgenstern zusammen und spielte Skat.


Dabei kam noch bei einigen Bieren manches Thema, was die Herren bewegte, zur Sprache. Seit einiger Zeit stimmte Wilhelm Baumgarten immer und immer wieder sein Klagelied darüber an, welche Probleme die hohen Zinsen Einwohner und Gemeinde Harlingerode mit dieser Zinslast bewegten.


Kurt Mast hörte diese ständigen Klagen nicht gern und irgendwann wurde es auch ihm zuviel und er hielt seinen Unmut nicht mehr zurück und meinte, man müsse den Banken einmal die Stirn bieten und ihnen zeigen, wie es auch anders ginge. Schließlich mündete sein Unmut in der Frage, wie viel Geld denn die Gemeinde Harlingerode so dringend benötige. Die Antwort lautete, es fehlten letztlich noch 2 Mio. DM.


Da muß was passieren, meinte Kurt Mast, nahm kurzerhand einen Bierdeckel zur Hand, trennte ihn in der Mitte durch und schrieb mit seiner weltbekannten und z.T. gefürchteten grünen Tinte darauf: "1 Mio. DM zu 1% Zinsen, auf 5 Jahre, sofort zahlbar für die Gemeinde Harlingerode.


Als Wih. Baumgarten in der Gemeindeverwaltung mir als Gemeindedirektor den Bierdeckel übergab, traute ich meinen Augen nicht. Das war zu schön, um wahr zu sein.


Ich habe dann meinen Kämmerer Heinz Sinkemat nach Wolfenbüttel in die Hauptverwaltung des Mast-Imperiums geschickt und ihn gebeten, die 1 Mio. DM einzulösen.


H. Sinkemat schilderte dann sein Erlebnis bei der Fa. Mast-Jägermeister so: Er bat um ein Gespräch mit der Geschäftsleitung. Man beschied ihm deutlich ablehnend, daß das nicht möglich sei. Schließlich aber gelang es ihm doch, zum Herrn Prokuristen vorgelassen zu werden. Die grüne Tinte hatte offenbar einiges erreicht. Er stellte sich vor: Ich bin der Gemeindekämmerer aus Harlingerode und ich möchte die 1 Mio. DM abholen. "Was wollen Sie?", war die Frage des Gegenüber. H. Sinkemat griff in die Tasche und legte ihm mit den Worten: "Hier ist die Kreditzusage" den Bierdeckel vor.


Diese Aussage war dem Prokuristen so ungeheuerlich, daß er meinte, er stände einem Witzbold oder geistig Beschränkten gegenüber. Aber die grüne Tinte und die bekannte Schrift machten ihn doch stutzig und der Text ließen ihn erblassen.


"Da hat sich der Alte mal wieder was erlaubt", waren seine Worte.


Dann folgten zahlreiche Ferngespräche, aber es half alles nichts! Die Gemeinde Harlingerode erhielt das Geld – und das war damals nicht wenig! –, nachdem ein ordentlicher Darlehensvertrag geschlossen war, und Kurt Mast schlug großen Dank und Anerkennung des gesamten Gemeinderates und der Einwohnerschaft entgegen.


Ich brauche nicht zu betonen, welcher Erklärung es bedurfte, um die einzelnen Ratsmitglieder von der genialen Geldbeschaffungs-Aktion zu überzeugen.


Dieses Beispiel zeigt, daß man verschiedene Wege gehen muß, um finanzielle Schwierigkeiten in einer Gemeinde zu begegnen.


25. Juni 2018


Horst Voigt


Schlussbemerkung: Der Text entstand aus der Zusammenfassung zweier weitgehend identischer Texte, die in geringem Maße unterschiedliche, aber nicht widersprüchliche Informationen enthielten. Das Datum "25. Juni 2018" bezieht sich nur auf eines der beiden Dokumente.

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