• Till Diegeler

Der Nationalsozialismus in Harlingerode


Die Zinkhütte Harlingerode als Folge des NS-Aufrüstungsplans.

Der Nationalsozialismus war auch in Harlingerode eine sehr prägende und in vielerlei Hinsicht auch grausame Phase. Einerseits bedeutete sie einen massiven wirtschaftlichen Aufschwung durch die zahlreichen Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft, auf der anderen Seite brachte sie aber großes Leid für all jene, deren Freiheit und nicht selten sogar eigenes Leben dank derselben Bestrebungen geraubt wurden.


Eine Schlüsselrolle spielte hier der Freistaat Braunschweig, zu dem stets auch Harlingerode gehörte. Dietrich Klagges, seinerzeit braunschweigischer Minister für Inneres und Volksbildung und NSDAP-Mitglied, erhob Hitler in den Stand eines Regierungsrates, womit automatisch auch die für eine Reichskanzlerkandidatur notwendige deutsche Staatsbürgerschaft verliehen wurde.


Die Auswirkungen des Nationalsozialismus betrafen auch Harlingerode massiv. Obwohl Harlingerode damals eine sozialdemokratische Hochburg war und die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 bei den Harlingeröder Stimmen mit 38,2% hinter der SPD mit 46,5% lag, konnte sich die Gemeinde der am 10. April 1933 offiziell verkündeten Gleichschaltung der Gemeinden nicht wehren – die Folge war die uneingeschränkte Alleinherrschaft der NSDAP.


Der Freistaat Braunschweig, zu dem schon seit jeher Harlingerode gehörte, wurde ab Mitte der 1930er-Jahre industriell im ungekannten Maße ausgebaut: Zwei Großstädte, nämlich Wolfsburg mit dem Volkswagenwerk bei Fallersleben und Salzgitter mit dem Stahlwerk bei Watenstedt, wurden als Planstädte maßgeblich erweitert. Dabei schreckte man besonders im Zweiten Weltkrieg nicht davor zurück, Zwangsarbeiter in der Produktion einzusetzen und ihren Tod in den Kauf zu nehmen.


Konkrete Auswirkungen in Harlingerode waren:

  • die Neugründung von Göttingerode

  • die Errichtung der Zinkhütte Harlingerode

  • damit einhergehend: Zwangsarbeiterbaracken südlich der Landstraße

  • die Reaktivierung des Eisenerzbergwerks Hansa am Langenberg

  • die SA-Kaserne am Ortsausgang nach Schlewecke


Göttingerode ersteht neu



Häuser der Hütten- und Bergarbeitersiedlung Göttingerode im Jahr 1936.

Göttingerode ist einerseits ziemlich alt – es wurde schon 1163 als Gotingeroht erwähnt und wurde erst 110 Jahre nach Harlingerode erstmals dokumentiert. Das Besondere: Es existierte von da an nur etwa 300 Jahre, denn die Nennungen als Ortschaft stoppen Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Namen Göttingerode im Jahr 1470. Als Flurname (das ist ein Name für ein Stück Landschaft) blieb Göttingeroda, Göttingerode oder auch Jettgerode weiterhin erhalten. Alle Gebäudehinweise, einschließlich der alten Dorfkirche, verfielen. Einzig einigen Lokalhistorikern wie Richard Wieries zu seiner Zeit im Jahr 1910 war ein Gottingerode noch geläufig, dessen alte Feldmark an Harlingerode fiel.


Am 21. März 1935 änderte sich allerdings alles. Friedrich Alpers, Finanz- und Justizminister sowie Generalforstmeister und brutal vorgehender Oberkommandant der SS-Hilfspolizei des Freistaates, legte offiziell den ersten Grundstein für die Ortschaft. Das neue Göttingerode wurde geschaffen, um den oft verarmten und mittellosen Berg- und Hüttenleuten samt ihrer Familien aus ganz Deutschland Lohn und Brot in der Harlingeröder (und Okeraner) Industrie zu bieten. Es hätte ohne das nationalsozialistische Aufrüstungsprogramm am Nordharz keinen Grund gegeben, Göttingerode zu gründen.


Das Leben in Göttingerode war während des Krieges entbehrungsreich. Wilhelm Baumgarten im 20. Jahrhundert der einflussreichste Harlingeröder Bürgermeister und als Grundschullehrer seit den 1930er-Jahren in Göttingerode wohnhaft. Dabei erlebte den Alltag in der Siedlung persönlich mit. In seinem Buch Mitgestaltet: Das größere Bad Harzburg beschreibt er es folgendermaßen:


Bis Kriegsbeginn hatte ich bei einer Siedlerfamilie gewohnt und miterlebt, wie schwer sich die Pioniergeneration tat. Ihr Leben war geprägt von Arbeit ohne Freizeit, von schwerer und ungesunder Tätigkeit im Werk [=Zinkhütte Harlingerode] oder in der Grube [Hansa], von harter auch daheim, wo das kleine Siedlerhaus noch ausgebaut und der große Garten erst einmal urbar gemacht werden mußten. Gartenfrüchte und Kleintierhaltung sollten möglichst bald den Familientisch decken helfen. Selbst- und Nachbarschaftshilfe waren das Gebot der Stunde.


Nach dem Kriege hatte Göttingerode schwer zu leiden. Bis in die 1950er-Jahre sahen viele Harlingeröderinnen und Harlingeröder das Dorf als Fremdkörper im Gebiet der Gemeinde, und ein Harlingeröder Gemeindevertreter nannte die Göttingeröderinnen und Göttingerode (jedoch nicht in böser Absicht) auf Harlingeröder Platt als jai hindern Barje (die hinterm [Langen]berge). Zudem galt Göttingerode durch die anfangs schlechte Nahrungsversorgung als Hungersdorf, vorwiegend versorgten die Ortschaft fliegende Händlerinnen und Händler. Und nicht zuletzt verursachte die stark gewachsene Grube Hansa immense Bergschäden, die Teile der Ortschaft so weit zerstörten, dass sie aufgegeben werden mussten: Es gab am Nordrand eine Langenbergstraße, die wegen der Landschaftszerstörung aufgegeben wurde. Ihr Gebiet diente später als Müllkippe und ist heute noch eingezäunt.


Das Dorf darf übrigens unter keinen Umständen als NS-Mustersiedlung gesehen werden: Im Jahr 1972 wählten in keinem anderen Ort in ganz Niedersachsen prozentual so viele Einwohnerinnen und Einwohner die SPD, es waren 98% der Wahlberechtigten. Der Ort war zusammen mit Harlingerode eine sozialdemokratische Bastion und keineswegs ein planmäßig angelegter Rückzugsort für NS-treue Siedlerinnen und Siedler.


Eine SA-Kaserne an der Landstraße?


Noch lange nach dem Krieg hielten sich Gerüchte und Mundpropaganda um die sogenannte SA-Kaserne. Damit ist das Haus Landstraße 5 gemeint, das sich am Ostrand Richtung Schlewecke, gegenüber der Straße Krautgarten befindet. Zur damaligen Zeit handelte es sich um eine Abfertigungsanlage für Kräuterextrakte, die von der SA beschlagnahmt wurde. In dem Keller des Gebäudes kam es zu gewalttätigen Aktionen der SA-Männer gegenüber den Gefangenen.


Während des dritten Reiches hing ein NS-Banner vor dem Gebäude. Das Haus war damals mit Holz vertäfelt, sodass sich das Hakenkreuz durch das ausbleichende Sonnenlicht an die Wand brannte. Es war noch Jahrzehnte nach Kriegsende sichtbar und wurde erst endgültig unkenntlich gemacht, als das Gebäude künstlerisch wertvoll übermalt wurde.


Straßennamen


Auffällig sind die vielen Straßenumbenennungen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Harlingerode vorgenommen wurden. Sie bezogen sich einerseits auf die allgegenwärtigen NS-Größen Adolf Hitler und Joseph Göbbels, aber auch lokalen Akteuren wie Dietrich Klagges (ehemaliger Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig). Dabei handelte es sich um folgende Straßen:

  • Meinigstraße: Adolf-Hitler-Straße (Die Neue Meinigstraße hieß im selben Zeitraum Meinigstraße.)

  • Planstraße: Dietrich-Klagges-Straße

  • Braunschweiger Straße: Horst-Wessel-Straße (hieß früher Neue Wiesenstraße.)

  • Josefstraße: Joseph-Goebbels-Straße (tatsächlich bis heute Namensgeber, trotz Abänderung.)

  • Landstraße: Leo-Schlageter-Straße

  • Viehweide: Hindenburgstraße (die Viehweide war damals kürzer)


Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Nationalsozialismus politisch fast gar nicht in Harlingerode diskutiert. Das sind Aussagen, die von ehemals führenden Politikern der Gemeinde Harlingerode getätigt wurden. Umso wichtiger ist von daher, dass eine Aufarbeitung posthum in unserer Funktion als Ortsverein für Harlingerode mit geschieht.

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