1953: Harlingerode feiert 900. Geburtstag

Aktualisiert: Okt 10


1953: Der damalige Bund der Vertriebenen (BdV) Harlingerode präsentiert eine Ausstellung im Schaufenster der Tischlerei Schenk (Meinigstraße 38). Heute befindet sich hier die Stadtteilapotheke. Urheber: Herbert Ahrens / Bad Harzburg Stiftung

Das Jahr 1953 war in vielerlei Hinsicht spannend für die Industriegemeinde Harlingerode. Wir geben einen Überblick, wie die Menschen das Leben zu dem Zeitpunkt empfanden und erklären danach den Ablauf der Geburtstagsfeier.


Hinweis: An dieser Stelle danken wir der Bad Harzburg Stiftung für ihre freundliche Genehmigung zur Nutzung einiger ihrer Bilder. Mehr zeitgenössische Aufnahmen finden Sie hier!


Geschichtlicher Kontext

Wir befinden uns in der Nachkriegszeit. Harlingerode ist eine Gemeinde im Landkreis Wolfenbüttel, zu der vor der Gebietsreform im Jahr 1974 jeder Stadtteil in Bad Harzburg zählte. 6.231 Menschen in den Ortsteilen Harlingerode, Göttingerode und Steinfeld listet die Statistik als Bevölkerungszahl der Gemeinde Harlingerode für das Jahr 1951, es handelt sich um den Allzeitrekord. Anfang der 1950er-Jahre bestand die Gemeindebevölkerung zu über 50% aus Heimatvertriebenen. Wer ein Haus besaß, musste seinen Wohnraum per Gesetz mit diesen Neuankömmlingen teilen. Gleichzeitig gab es in Harlingerode wesentlich weniger Wohnraum als heute: Die Wohngebiete Harlingerode-Ost (fast sämtlicher Wohnraum östlich der Bruchstraße) und Am Langenberg existierten nicht. Die Wohnbebauung in den Wohngebieten In der Nachthude und Krautgarten (zeitgenössisch Am Heisenkamp) war unvollständig. Dementsprechend angespannt war die Wohnsituation.


Industriell war Harlingerode in den 1950er-Jahren ebenfalls an seinem wirtschaftlichen Höhepunkt. Das Hüttenwerk Harz hatte im Zuge des Koreakriegs Hochkonjunktur, die Eisenerzgrube Hansa an der Göttingeröder Straße verschickte monatlich (Stand: 1950) rund 150.000 Tonnen Erz über den Bahnhof Harlingerode nach ganz Westdeutschland und auch der Kalksteinbruch Langenberg war im Betrieb. Allen drei Unternehmen war eine starke Umweltbelastung gemein: Das Hüttenwerk Harz durch seine toxischen Rauchgasemissionen und die schwerwiegenden Folgen für Umwelt und Gesundheit, die Grube Hansa durch den Weitungsbau und den daraus folgenden Erdfällen besonders in Göttingerode und der Kalksteinbruch Langenberg mit der sukzessiven Spaltung des Langenbergs. Es liegt nahe, von einer Umweltkatastrophe zu sprechen.


Die 900-Jahr-Feier

Dennoch ließ man sich im Ort nicht den Mut nehmen.


Die Harlingeröder Festwoche wurde vom 3. bis 7. Juni 1953 veranstaltet, lief also von einem Mittwoch bis einschließlich einem Sonntag. Viele Einwohnerinnen und Einwohner beschmückten ihre Häuser im Rahmen der Feierlichkeiten, manche mit Girlanden und Kränzen, andere mit Fähnchen in den Farben der Bundesrepublik Deutschlands oder des damals bereits aufgelösten Freistaates Braunschweig (blau-gelb), zu dem Harlingerode durch seine ehemalige jahrhundertelange Zugehörigkeit tiefste Verbindung hatte.


Der zeitgenössische Bürgermeister Wilhelm Baumgarten kündigte am 3. Juni 1953 in einem Festakt unter der Teilnahme zahlreicher Vertreter aus Politik, Wirtschaft und weiterer Organisationen - in Betracht der oben beschriebenen Situation wenig überraschend - ein weitläufiges Wohnbauprogramm für rund 150 Wohnungen in der Gemeinde an. Aus der Quelle, der Wolfenbütteler Zeitung, geht nicht hervor, um welches Wohngebiet es sich hier genau handelt. Im selben Jahr begann aber der Ausbau des Wohngebiets In der Nachthude, inklusive (für heutige Verhältnisse idiotisch schmaler) Nebenstraßen. Der Abend endete damit, dass ein Ehrenmal für die Gefallenen des erst acht Jahre vorher geendeten Zweiten Weltkrieges unter Nazideutschland eingeweiht wurde. Es muss sich um einen emotionalen Akt gehandelt haben.


Ein Auszug aus dem Festprogramm:


Festprogramm für Donnerstag 9 Uhr: Leichtathletische Dreikämpfe der Schulen Harlingerode und Göttingerode auf dem Sportplatz. 20 Uhr: Volkslieder-Abend auf dem Kirchbrink. [Anm.: Berg, auf dem die Harlingeröder Kirche steht] Mitwirkende sind MGV Harlingerode, Gemischter Chor Concordia Harlingerode, Frauengesangsverein Göttingerode, Kirchenchor Harlingerode und die Schulen Harlingerode und Göttingerode. Festprogramm für Freitag 15 Uhr: Sitzung des Kreistages Wolfenbüttel im Gasthaus "Zum Löwen". 20 Uhr: Vorstellung der Kreiskulturgemeinschaft Wolfenbüttel "Dr. med. Hiob Prätorius", Komödie von Curt Goertz.

Quelle: Wolfenbütteler Zeitung, 1953.


Den krönenden Abschluss bildete ein rund 1,5 Kilometer langer Festzug, der in drei Marschblocks organisiert war: Die ersten beiden Blöcke wurden durch insgesamt 34 Festwagen gebildet; der dritte wurde durch Mitglieder von Vereinen und Organisationen zu Fuß bewältigt. Der Marsch wurde in der Worthstraße (damals: Lochtumer Straße) begonnen und endete im Fleischerweg (damals: Bahnhofstraße).


Die Geburtstagsfeier endete mit einem Feuerwerk am Abend des 7. Juni 1953.


Quellen:

Alfred Breustedt: 950 Jahre Harlingerode 1053–2003. Ortschronik. Harlingerode 2003, OCLC 249318716

Wolfenbütteler Zeitung 1953, mehrere Ausgaben.

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